Sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben

Kulenkampffs Schuhe

Die Fernbedienung lag etwas außerhalb meiner Reichweite und so kam es gestern Abend dazu, dass mich eine Fernsehsendung  des ARD aus meiner hitzebedingten Lethargie riss. Noch immer bin ich tief bewegt über die Dokumentation „Kulenkampffs Schuhe“ der Regisseurin Regina Schilling. Nie hätte ich mir sonst einen Film über Hans Joachim Kulenkampff und seine Fernsehshow „Einer wird gewinnen“ aus den sechziger Jahren angesehen. Damals habe ich mir als Kind diese abendlichen Sendungen am Sonnabend  aus dem einzigen Grund angesehen, weil wir Kinder das durften und dabei Brause zu trinken bekamen.

Die Regisseurin liebte Kulenkampff und seine Sendungen. So ist dieser Film vielleicht auch als eine Hommage an Kulenkampff zu verstehen. Im wesentlichen aber verstehe ich ihn aber als schmerzhaften Bericht über Deutschland im und besonders nach dem Nationalsozialismus. Schilling ist 1962 in Westdeutschland als Kind in eine Familie hinein geboren, die vom Wirtschaftswunder profitiert. Die Eltern arbeiten hart in der eigenen Drogerie. Auto, Eigenheim und Auslandsreisen werden möglich, doch der Vater wird krank und stirbt früh.

Kulenkampffs Schuhe ist ein Suchen nach dem Vater entlang einer Linie der Geburtsjahre des Vaters und verschiedener gleichaltriger Akteure der westdeutschen Fernsehunterhaltung der sechziger und siebziger Jahre. Gemeinsam haben diese Männer, dass sie Krieg und Nationalsozialismus in jungem Alter durchlebt haben. Schilling gelingt es anhand der Unterhaltungssendungen, die im wesentlich aus Quizsendungen mit Musik und anderen Showeinlagen bestehen, das Schweigen der Väter über ihre Leiden und ihre Taten zu beschreiben.  Die Art der Familienunterhaltung ist politisch gewünscht. Im kalten Krieg ist für  Westdeutschland die Entnazifizierung beendet. Die amerikanischen Verbündeten brauchen jetzt selbstbewußte Deutsche. Die Fernsehsendungen, die fast alle ein Pendant im US Fernsehen haben, wirken fast therapeutisch auf die kriegstraumatisierte Bevölkerung.

Viele Erinnerungen decken sich mit meiner, obwohl meine Familiengeschichte kaum Ähnlichkeiten mit jener der Regisseurin aufweist. Sonnabends wird gebadet. Dann versammelt sich die Familie vor dem Fernseher.  Die Stimmung ist entspannt, es gibt Knabbereien und die Eltern lachen über die Scherze der sehr vertrauten Fernsehstars. Das Jahr 1968 fällt in diese Zeit, doch die Beliebtheit der Show bleibt bei der Kriegsgeneration noch lange ungebrochen.

Hans Rosenthal

Im Jahr 1971 startete das ZDF eine Spielshow mit Namen „Dalli, Dalli“ . Diese Show und der Moderator Hans Rosenthal wurden sehr beliebt beim Fernsehpublikum. Hans Rosenthal wurde 1925 im gleichen Jahr wie der Vater von Regina Schilling in Berlin geboren. Er war Jude. Als er 17 Jahre alt war, waren seine Eltern bereits verstorben und sein Bruder von den Nazis ermordet. Auf sich allein gestellt, gelang es ihm, sich mit Hilfe einer Freundin seiner verstorbenen Mutter in einer Gartenkolonie zwei Jahre lang bis Kriegsende zu verstecken.

Am 9. November 1978 jährte sich die Progromnacht zum 40. Mal. An diesem Tag soll Hans Rosenthal die 75. Ausgabe von Dalli Dalli moderieren. Er bittet um Verschiebung, doch das ZDF lässt dies nicht zu. Hans Rosenthal moderiert im schwarzen Anzug, lässt Opernarien statt Schlager singen und nennt am Ende der Sendung erstmalig das Datum der Ausstrahlung. Auch diese beschämende Begebenheit der deutschen Fernsehunterhaltung dokumentiert die Regisseurin.

Sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben

Schilling erzählt aus Ihrem Familienleben, von Fernsehshows und von einem Vater, dessen Kriegserfahrungen auch nach gründlichen Recherchen zum größten Teil im Dunkeln bleiben. Daraus macht sie einen Film, in dem alles zusammenhängt und alles politisch ist. Es gibt für die Kriegsgeneration kein Entrinnen. Die Regisseurin dokumentiert aus einer Hitlerrede von 1938 über die gewünschte Zurichtung der Jugend:

„und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassen- und Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre, und wenn sie nach zwei, drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben und sie sind glücklich dabei.“

So grausam – so falsch. Es fühlt sich falsch an, ein solches Zitat überhaupt hier nieder zu schreiben.

Regina Schilling hat einen großartigen Film gemacht. Möge sie mit Fernsehpreisen und Auszeichnungen überschüttet werden.

 

 

 

 

 

 

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Das Ding

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Meiner Bloggerin ist es zu heiß, um über die wirklich wichtigen Dinge zu schreiben.  Deshalb bin ich schon wieder dran und habe so die Möglichkeit über etwas zu berichten, was mir wirklich wichtig ist.

In unserer Wohnung steht seit einigen Tagen ein großes Ding. Es dreht sich hin und her und riecht weder nach Hund noch nach Mensch. Das Ding ist laut und in seiner Nähe ist es windig. Ich habe Angst vor dem Ding. Meine Bloggerin streut von Zeit zu Zeit Leckerli und Käsestückchen in die Nähe des Dings. Ich soll denken, das Ding ist lieb. Unter großer Überwindung hole ich mir dann die leckeren Sachen und verschwinde schnell wieder unter dem Schreibtisch.

Ich habe erfahren, dass ein zweites Ding bestellt worden ist. Für das Schlafzimmer, es gibt kein Entrinnen. Andererseits gibt es dann vielleicht im Schlafzimmer auch Leckerli!

Das Ding heißt Ventilator und wir müssen es behalten wegen der großen Hitze. Dieser Sommer ist viel zu heiß.

 

 

 

 

Wen darf ich überfahren – und wenn ja wie viele?

Wie würden Sie entscheiden?

Ein selbstfahrendes Auto muss einem Hindernis ausweichen: auf der einen Seite ein Kleinkind, auf der anderen ein Familienvater. Was ist moralischer, das Kind oder den Mann zu überfahren?

Was für ein Dilemma! Wer kann das entscheiden?

Wen darf ich überfahren und wenn ja, wie viele?

Diese Frage stellt sich dem Philosophen Richard David Precht nicht. Er geht es volkstümlicher an: „Auf der einen Seite stehen drei alte Frauen, auf der anderen Seite steht ein Kleinkind – was ist jetzt moralischer, drei alte Frauen zu überfahren oder ein Kleinkind? Und diese Frage stellt sich nicht, aus zwei Gründen: Der erste Grund ist: Kein selbstfahrendes Auto kann das unterscheiden. Und das Zweite ist: Ich programmiere das Auto generell mit einer Standardeinstellung – grundsätzliches Ausweichen nach links wenn möglich, und wenn nach links nicht möglich, dann nach rechts. Und dann ist die gesamte moralische Frage erledigt.“ So schnell hat sich für Herrn Precht die moralische Frage erledigt.

Ich habe den Hinweis zu dieser Aussage von Herrn Precht im Blog der 78jährigen Schriftstellerin und Bloggerin Elisabeth Scherf gefunden:

„Die Frage stellt sich nicht“!?, aber Herr Precht hat ohne Not, denn die Frage war ja gar nicht nötig – auf den schwarzen Grund seiner Männerseele gucken lassen.

Ich habe nur bis zu dieser Stelle gelesen, wo er nach moralischen Entscheidungen fragt, die selbstfahrende Autos nicht treffen können. Er nimmt als Problemkonflikt: auf der einen Straßenseite sind drei alte Frauen, auf der anderen ein Kind, wie soll das Auto entscheiden, wer soll dran glauben und überfahren werden.

Ich finde es ’ne Schweinerei, dass er nicht wenigstens nur eine alte Frau hilflos an den Straßenrand stellt und ein Kind – wäre schon schlimm genug – nein alte Frauen sind so wertlos, dass es wenigstens drei alte Frauen sein müssen, um das Kind aufzuwiegen. Das war mir einfach zu viel. Hab gleich aufgehört zu lesen. Ich glaube noch nicht einmal, dass ihm klar ist, was mich als FRAU und ALT so tief empört hat. Macho!!!!!“

Sprache ohne Moral

„Und dann ist die gesamte moralische Frage erledigt.“ Richard David Precht, Popstar der Philosophie, immer bereit Utopien über eine bessere Gesellschaft zu entwerfen und zu verbreiten, ein Meister der Sprache, äußert sich hier in schwerer Weise unmoralisch und diskriminierend. Er weiß, dass geschriebene und gesprochene Sprache auch gewalttätig sein, und weiteren Gewaltformen den Boden bereiten kann.

Diese Sprache schmerzt

Ich bin 66 Jahre alt und fühle mich den „drei alten Frauen“ zugehörig. Mich schmerzt es, so etwas zu lesen. In diesem Blog verweise ich weiterhin auf die Sprache, die den Boden für die bestehende strukturelle Gewalt gegen alte Menschen bereitet.

 

Das ganze Interview mit Richard David Precht im Deutschlandfunk

 

Dyke*March und CSD Berlin

Zum politischen Kampf gehört auch Spaß

Jetzt findet gerade der Dyke* March 2018 ganz in meiner Nähe statt. Ich kann nicht mitmachen, weil es so heiß ist.

Für alle die mehr über den Dyke*March wissen wollen oder die erstmalig erfahren möchten, worum es überhaupt geht, hier ein Interview mit der wunderbaren Stephanie Kuhnen: https://www.tagesspiegel.de/berlin/queerspiegel/christopher-street-day-in-berlin-dykemarch-zum-politischen-kampf-gehoert-auch-spass/22851928.html

Mein Körper, meine Identität, mein Leben!

Morgen findet die große CSD Parade statt. Die queere Gemeinschaft ist keine geschlossene Gesellschaft, sondern besteht aus Menschen, die sich auf vielfältige Weise queer identifizieren und repräsentieren. Die Filmemacher*innen Naomi Noa Donath und Henry Böttcher haben zum 40. CSD einen Film dazu produziert:

https://www.tagesspiegel.de/berlin/queerspiegel/geschichte-des-berliner-csd-lesben-schwule-kommt-raus-die-welt-sieht-euch/22852890.html

Die AFD hat versucht, sich mit einem Wagen an der CSD Parade anzumelden. Dieses wurde abgelehnt. Die AFD steht für die Spaltung der Gesellschaft, Angstmacherei und Ausgrenzung. Trotz vieler Konflikte innerhalb der queeren Community steht der CSD für Freiheit, Akzeptanz von Vielfältigkeit und Lebensfreude.

 

Interview und Video aus dem Tagesspiegel vom 27. Juli 2018

Hundstage

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Heute bin ich wieder dran. Die Bloggerin hängt im Sessel herum und stöhnt wegen der Hitze. Ich liege auf dem Boden. Heute sollte ich am Morgen die tägliche große Spazierrunde laufen. Ich habe auf halber Strecke aufgegeben und mich in den Schatten gelegt. Die Bloggerin hat dann an der Leine gezupft und versprochen, dass wir sofort nach Hause gehen. Seitdem hängen wir herum, stöhnen von Zeit zu Zeit und trinken Wasser.

Diese Tage heißen Hundstage. Das ist eine Frechheit. Kein Hund mag heiße Tage. Es soll  auch mit einem Stand der Sterne zu tun haben, die das Bild eines Hundes ergeben. Alles Quatsch  – es ist einfach zu heiß.

Die Nordsee ist immer dicht bei mir.

Das ist mein Beitrag zur  Blogparade des Deutschen Historischen Museums Berlin: Europa und das Meer – Was bedeutet mir das Meer? #DHMMEER

Das Meer meiner Kindheit ist die Nordsee.

Unzählige Male finden Familienspaziergänge am Weserdeich statt. Der Fußweg von unserer Wohnung in Bremerhaven-Mitte dauert für Erwachsene gerade mal eine Viertelstunde. Für unsere große Familie mit fünf Kindern, eines davon immer im Kinderwagen, kann es schon mal länger dauern. Ich weiß, dass die Weser von unserem Deich aus nur noch einen sehr kurzen Weg direkt in die Nordsee hat und dass von hier aus viele Schiffe nach Amerika fahren. Bei gutem Wetter und mit großer Mühe kann ich Amerika von unserem Deich aus sehen. Aber das gelingt nur mir.

Eines unserer größten Vergnügungen ist es, den mit Gras bewachsenen Deich herunterzurollen und dabei zu hoffen, nicht zuviel Schwung zu haben, um nicht versehentlich in der kalten Weser zu landen. Wir haben eine Jahreskarte für die Tiergrotten. Das ist der kleine Zoo am Deich mit Seehunden, Eisbären, spuckenden Lamas und kreischenden Affen. Wir interessieren uns mehr für die Meerschweinchen und sorgen uns an heißen Sommertagen darum, ob wir auch ein Eis bekommen. Meistens klappt das.

Manchmal unternehmen wir eine Reise von Bremerhaven nach Cuxhaven. Da bauen wir Sandburgen am Strand und suchen Muscheln. Die Nordsee ist immer dicht bei mir.

Am 16. Februar 1962 bin ich neun Jahre alt und feiere in wenigen Tagen meinen 10. Geburtstag. Der Tag ist kalt, nass und stürmisch, was für Bremerhaven nicht ungewöhnlich ist.

Die Sturmflut

Am Freitag, dem 16. Februar 1962, zieht ein ausgeprägtes Orkantief von Island über die Nordsee hinweg und presst gewaltige Wassermassen aus der Nordsee in die Trichtermündungen von Elbe und Weser. Die norddeutschen Radiosender melden Sturmwarnungen. Am späten Nachmittag zieht eine Kaltfront über Norddeutschland hinweg und der Sturm dreht  auf Nordwest. Es wird tiefdunkel, Blitz und Donner begleiten den Sturm, der jetzt in den Unwetterwarnungen von Radio Norddeich als Orkan mit der Windstärke 12 eingestuft wird.

An der gesamten Länge der Deutschen Nordseeküste sind die Deiche in großer Gefahr. An vielen Stellen brechen sie oder werden überspült. Aus dem flachen Land wird an vielen Orten eine große Seenlandschaft. Die Halligen und Inseln sind schwer betroffen. Auf der Insel Wangerooge wird der Deich in voller Länge überspült und teilweise zerstört. Das Nordseewasser ergießt sich in die Ortschaften. In den kleinen Küstenorten werden die im Hafen liegenden Fischkutter von der Flut aus der Verankerung gerissen, an den Deich geworfen und zerstört. Auch dadurch kommt es zu Schäden an den Deichen. Deichbrüche in Cuxhaven und dem Seebad Sahlenburg führen zu großen Überschwemmungen, teilweise bis weit ins Binnenland hinein. Eine bisher nie dagewesene Flutwelle strömt elbaufwärts.

In der Stadt Bremerhaven beginnen um 17 Uhr die Arbeiten zur Sicherung des Deiches durch das Technische Hilfswerk , die Feuerwehr und die US Army. Trotz aller Anstrengungen bricht der Deich an mehreren Stellen. An dem am Deich gelegenen kleinen Zoo bricht eine Mauer und etliche Tiere ertrinken. Trotz des schweren Wetters und der bereits eingetretenen Schäden gelingt es, den Deich zu sichern und zu halten. Ein erst im September 1961 fertiggestelltes Sturmflutsperrwerk bewahrt die Stadt vor einer Katastrophe. Der höchste Wasserstand am 16. Februar 1962 beträgt 5,37 Meter über Normal Null. Am 17. Februar zwischen zwei und drei Uhr am Morgen ist für die Stadt Bremerhaven die schlimmste Gefahr zu Ende.

Durch die rechtzeitigen Warnungen an die Bevölkerung, Evakuierungen  und den intensiven Einsatz der zuständigen Behörden und vieler HelferInnen sind an der Nordseeküste durch die Sturmflut keine Menschen ums Leben gekommen. Ganz anders sieht es in der Stadt Hamburg aus.

Kurz nach Mitternacht werden hier mehrere Elbdeiche überflutet und das Wasser fließt ungehindert in die Stadt. Mehr als dreihundert Menschen sterben in der Flut. Zwar unterbricht der Norddeutsche Rundfunk um 20.30 Uhr sein Programm mit folgender Nachricht „Für die gesamte deutsche Nordseeküste besteht die Gefahr einer sehr schweren Sturmflut. Das Nachthochwasser wird etwa drei Meter höher als das mittlere Hochwasser eintreten.“ Doch die Bevölkerung Hamburgs kann mit dieser Meldung nichts anfangen, da die Stadt 100 km von der Küste entfernt liegt. Hamburg erlebt die schwerste Katastrophe seit dem zweiten Weltkrieg.

Draußen tobt etwas

Am 16. Februar dürfen wir Kinder ab mittags die Wohnung nicht mehr verlassen. Wir wollen das auch nicht. Vom Wohnzimmerfenster aus haben wir einen großartigen Ausblick auf die Straße. Es stürmt viel gewaltiger als sonst. Menschen hasten durch die Straßen und kämpfen gegen den Sturm an. Wir hören Polizeisirenen und sehen Blaulicht flackern. Lautsprecherwagen fahren durch unsere Straße und warnen vor einer großen Flut. Irgendwann am Nachmittag wird es plötzlich stockdunkel, es blitzt und das Sturmgetöse wird übertönt von gewaltigem Donnerkrachen. Das ist nicht mehr spannend. Das ist schlimm. Wir müssen unsere Fensterplätze verlassen und unsere Mutter zieht die Vorhänge zu. Draußen tobt etwas, was auf keinen Fall näher kommen darf. Trotz der Unwettergeräuche von draußen, aufgeregter Gespräche mit Nachbarn und Mitteilungen aus dem Radio über SOS funkende Schiffe geht unser Familienleben seinen Gang mit Geschwisterstreit, Abendessen und zu Bettbringen der kleinen Kinder.

Später am Abend entschließt sich meine Mutter, die Kleinen noch einmal zu wecken und sie mit warmer Kleidung statt der Schlafanzüge zu versehen. Meine große Schwester und ich müssen gar keine Schlafkleidung anziehen. Unsere Wintermäntel, Schuhe und eine große Tasche stehen griffbereit im Flur. Wir erfahren, dass wir vielleicht unsere Wohnung wegen der Flut verlassen und weiter oben ins Haus gehen müssen. Wir wohnen in einem vierstöckigen Wohnblock mit einem flachen Dach. Ich glaube, da müssen wir hin. Aber wir können noch abwarten und dürfen fernsehen. Um 20.30 Uhr unterbricht der NDR sein Programm und  wir hören den Satz: „Für die gesamte deutsche Nordseeküste besteht die Gefahr einer sehr schweren Sturmflut.“

Leider müssen meine große Schwester und ich trotz allem ins Bett gehen. Wir sind voll bekleidet. Das ist ungewohnt und zu warm. Ich habe keine Angst, aber eine große Sorge treibt mich um. Ich habe bald Geburtstag. Müssen wir auf dem Dach feiern und wie soll das denn gehen? Wer kann dahin zu Besuch kommen? Wie ist es mit dem Kuchen und dem Geschenk?

Nach der Flut

Ich wache in meinem Bett auf. Die Sache mit dem Dach hat sich erledigt. Der Sturm hat sich gelegt. Nach und nach erfahren wir durch das Radio, was sich in der Nacht ereignet hat. Unser Weserdeich ist beschädigt, wird aber gerade repariert und steht noch da. In den Tiergrotten sind zum Entsetzen von uns Kindern Tiere ertrunken. Am Abend des 17. Februar sehen wir im Fernsehen schlimme Bilder aus Hamburg. Da sind viele Menschen gestorben. Andere Menschen befinden sich dort noch auf Dächern und konnten noch nicht gerettet werden. Am Sonntag den 18. Februar gehen wir wie immer in die Kirche. Dort beten wir ein Dankesgebet dafür, dass wir alle die Flut überlebt haben und wir beten für die Menschen in Hamburg, für die der Schrecken noch kein Ende genommen hat.

Am Dienstag den 20. Februar feiere ich meinen 10. Geburtstag mit Gesang, Geschenken, Kuchen und Besuch zuhause in unserer Wohnung.

Die Nordsee ist immer dicht bei mir.

Ich wohne seit vielen Jahren in Berlin. Ungefähr einmal im Jahr treffe ich mich mit meinen Geschwistern in Bremerhaven. Am Deich zeigen Flutanzeiger die Höhe der Sturmflut von 1962 an. Das Meer, insbesondere natürlich die Nordsee, ist hier allgegenwärtig. Im Auswanderermuseum, im Klimahaus, im Schiffahrtsmuseum. Überall wird klar, dass die Menschheit ohne das Meer nicht vorstellbar wäre.

Häufiger als an der Nordsee bin ich an der Ostsee. Es gefällt mir dort. Natürlich ist es dort ganz anders als an der rauhen Nordsee, doch Meere zu vergleichen ergibt keinen  Sinn. Da ich an der Ostsee am Meer bin, fühle ich mich auch dort mit der Nordsee verbunden. Die Nordsee ist immer dicht bei mir.

 

 

 

 

 

 

Die besondere Schwere der Schuld

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Der Prozess

Gestern endete nach fünfjährigem Verfahren der Prozeß gegen die Terrorbande  des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wurde wegen besonderer Schwere der Schuld zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Andere Mitangeklagte bekamen erstaunlich milde Urteile.

Im Jahr 1999 begann eine Serie von Banküberfällen in ostdeutschen Bundesländern. Erst viele Jahre später wurde klar, dass diese Taten wahrscheinlich nicht die ersten Verbrechen  des rechtsextremen Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe waren. Bis zum Jahre 2011 zogen Böhnhard und Mundlos mordend und raubend durch Deutschland. Möglich wurde das durch die MittäterInnenschaft und Unterstützung durch die jetzt verurteilte Beate Zschäpe, durch viele andere MittäterInnen aus der Neonaziszene und durch ein völliges Versagen der Behörden.

Die Verbrechen

Zehn Menschen wurden ermordet, andere durch Sprengstoff verletzt. Wieder andere durch das Erleben von Banküberfällen traumatisiert. Erst nachdem Mundlos und Böhnhardt sich auf der Flucht nach einem Banküberfall selbst das Leben nahmen und Beate Zschäpe die gemeinsame Wohnung in Brand setzte und per Post Bekennervideos an die Polizei schickte, wurde klar, dass die Behörden sämtliche Verbrechen falsch gedeutet, und der Verfassungsschutz nicht die Verfassung, sondern die Mörder geschützt hat.

Die Schuldzuweisungen an die Opfer

Neun der zehn Mordopfer waren türkischer oder griechischer Herkunft. Das war den zuständigen Ermittlungsstellen Grund genug, die Schuld bei den Opfern oder in deren Umfeld zu suchen. Mafiöse Hintergründe wurden vermutet und die rassistische Sammelbezeichnung „Dönermorde“ für die Verbrechen schloss ein Suchen anderer Motivlagen für die Morde aus. Diese Fehleinschätzungen fügten den Familien der Opfer zusätzlichen Schaden zu, und ermöglichten dem NSU weitere Verbrechen zu begehen.

Kein Schlussstrich

Die besondere Schwere der Schuld liegt bei den TäterInnen. Doch was ist mit all denen, die geschwiegen und vertuscht haben? Die staatlichen Stellen haben bis zum Schluss der Verbrechensserie nie in Richtung rechten Terrors ermittelt. Auch das ist Schuld und die Bringschuld, nämlich die vollkommene Aufklärung, ist längst nicht erbracht. Deshalb darf es keinen Schlussstrich zu den Ermittlungen geben.

#keinschlussstrich

 

 

 

 

 

 

 

 

Patti und die allgemeine Lage

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Patti beobachtet mich während ich am PC sitze und mir die weißen Haare raufe. Ich komme einfach nicht weiter mit dem, was ich eigentlich schreiben will: Herr Seehofer, der immer noch Teil der Regierung ist. Ein Asylkompromiss, der zur Rettung der Koalition gedacht ist, nicht aber zur Rettung von Menschen. Die unglaublich schwache SPD, die jeden Kompromiss, mit dem sie ihre eigenen Ideale verrät, als Erfolg feiert.

„Lass es“, sagt Patti. „Schreib mal wieder etwas über mich. Zum Beispiel, dass ich es zur Meisterin im Fliegenfangen gebracht habe.“ Ich bezweifle zwar, dass dies der Erwähnung wert ist, aber da der Blog nun mal  „Die allgemeine Lage“ heißt, muss ich anerkennen, dass auch die Haushündin in irgendeiner Weise, die ich zu interpretieren habe, zu meiner Lage beiträgt. „Und“ so Patti „ich passe auf alles auf. Kein fremder Mensch kommt unverbellt in diese Wohnung. Unsympathische Hunde werden vom Balkon aus verbellt. Außerdem findet ja derzeit diese ominöse Fußballweltmeisterschaft statt. Da gibt es Begeisterungsschreie auf der Straße vor den Spätis. Da belle ich natürlich auch, nur damit du das nicht versäumst.“ Ich breche verzweifelt auf der Tastatur meines PC zusammen.

Patti kommt und legt ihren Kopf auf mein Bein und ich schmelze dahin. Sie hat ja so recht.  Allein ihr hinreißendes Dasein und die Tatsache, dass dreimal tägliches Spazierengehen sehr gesund sein soll, trägt zu einer guten Lage bei.

Das dreimal tägliche Spazierengehen findet meistens in Kreuzberg statt. Aber das ist ein anderes Thema.

 

 

 

 

Der bayrische Gockel

Die EU mit Angela Merkel hat einen Beschluss zur Asylpolitik gefasst, der für Geflüchtete mehr ein Schreckenszenario darstellt, denn eine Hilfe in der Not.

Horst Seehofer in seiner Maßlosigkeit aber benimmt sich wie ein trotziges Kleinkind. Wenn schon Abschottung beschlossen ist, dann auf eine Weise, die er und seine Testosteron gesteuerten bayrischen Kumpel bestimmen.

Irgendwie muss er Frau Merkel doch in die Knie zwingen. Dazu bedient er sich eines beispiellosen Medienspektakels. Tagesthemen extra, Anne Will kommt aus dem Urlaub, stundenlanges Ausharren der JournalistInnen ob aus dem bayrischen Hause eine Information kommt. Rücktritt ja, dann vielleicht, dann wieder ja. Wahrscheinlich eine seiner letzten Gelegenheiten sich im Glanz der Macht zu sonnen.

Herr Seehofer zelebriert sein „ich, ich, ich“.  Die SPD meldet sich hin und wieder schüchtern zu Wort  und in diesem Moment ist wahrscheinlich wieder alles ganz anders.

Die Stunde der Machos

Staats- und Regierungschefs

Heute am frühen Morgen wurde,  wie es in den meisten Medien heißt, durch die „Staats- und Regierungschefs“ der EU eine Einigung  in der Asylfrage erzielt. Es ist davon auszugehen, dass Frau Merkel, immerhin von Beruf Bundeskanzlerin,  bei den „Staats- und Regierungschefs“ mitgemeint ist.

Rechtspopulistischer Wahlkampf der CSU

Wie die CSU sich weiterhin der Bundeskanzlerin gegenüber verhält, ist abzuwarten. Die Herren Seehofer, Söder und Dobrindt werden sich von EU Beschlüssen und von Frau Merkel kaum ihren rechtspopulistischen Wahlkampf kaputt machen lassen. Diese Männer gehen soweit, dass der österreichische Bundeskanzler zum Wahlkampf nach Bayern eingeladen wird, nicht aber die Kanzlerin.

Ein Kampf von Männern gegen eine Frau

Wer hier noch müde abwinkt, wenn ich dieser Stelle darauf hinweise, dass hier ein Kampf von Männern gegen eine Frau stattfindet, hat nichts verstanden. Frau Merkel hat eine unglaubliche Widerstandskraft bewiesen gegen die Einschüchterungsversuche und Demütigungen seitens des Herrn Seehofer und der sogenannten Schwesterpartei CSU.  Die Verzweiflung darüber, dass eine Frau als Bundeskanzlerin sich nicht klein kriegen lässt, ist nicht nur bei der CSU deutlich sichtbar. Auch viele männliche Journalisten schreiben hoffnungsfroh den Untergang Angela Merkels herbei.

Eine Frau wie diese Bundeskanzlerin, die keine großen emotionalen Reden hält, sachlich bleibt und Anfeindungen an sich abprallen lässt, scheint in manchem männlichen Denken noch immer unheimlich zu sein. Große, starke Männer mit markigen Sprüchen, die scheinbar genau wissen wo es lang geht, sind für etliche Politiker und viele Männer aus der Medienbranche noch immer Sehnsuchts- und Identifikationsfiguren.

Nichts gegen Sehnsüchte, doch die Stunden der Machos sollten gezählt sein. Wenn nicht, dann Gnade uns Gott, das Grundgesetz oder der Glaube an eine bessere Welt.