Mehr Frauen in die Parlamente

Ein neuer Feiertag in Berlin

Heute ist der 8. März 2019. Frauenkampftag und erstmalig ein Feiertag in Berlin. Aus diesem schönen Anlass hier ein Interview mit meiner lieben Freundin Anja Kofbinger.

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Die weiße Rose

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Heute vor 76 Jahren

Am 22. Februar 1943 wurden Sophie Scholl, 21 Jahre alt, Hans Scholl, 24, und Christoph Probst, 23 Jahre alt, nach dem Todesurteil des damaligen Volksgerichtshofes durch Enthauptung ermordet. Die drei jungen StudentInnen gehörten zum Kern der „Weißen Rose“, einer Widerstandsgruppe gegen die Diktatur des Nationalsozialismus.

Es ist noch nicht so lange her

Je älter ich werde, um so mehr verändert sich mein Blick auf Zeitläufe. Ich wurde 1952 geboren. Nur sieben Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus und nach dem zweiten Weltkrieg. Nur neun Jahre nach der Ermordung der Mitglieder der weißen Rose. Ich wurde in Westdeutschland geboren, habe keine Verfolgung erlebt, keine lebensbedrohende Armut und keine Zerstörung des Landes in dem ich lebe. Auch  wurde ich nie einem politischem Druck ausgesetzt, anderen Menschen zu schaden. Das sind Privilegien, unabhängig davon, ob ein Leben durch viele andere Faktoren leicht oder schwer zu bewältigen ist.

Und jetzt?

Jetzt sitze ich vor meinem PC und schreibe einen Artikel für meinen Blog. Ein Geschehen, das zum Zeitpunkt meiner Geburt nicht vorstellbar gewesen wäre. Nicht vorstellbar für mich war aber auch lange Zeit meines Erwachsenenlebens, dass Freiheit und Demokratie in der westlichen Welt instabil sein könnten. Heute sitzt in Deutschland eine Partei in den Parlamenten, die in der faschistischen Tradition steht. In vielen europäischen Ländern ist Rechtspopulismus eine Selbstverständlichkeit geworden. Der nie ausgestorbene Antisemitismus wird immer offener ausgelebt. Islamistischer Terror bedroht die Sicherheit in großen Teilen der Welt. Kriege, Diktaturen und Hungersnöte bestehen weltweit nach wie vor. Die Veränderung des Klimas trägt auch nicht zur Verbesserung der Lage bei.

Was können wir tun?

Dazu fällt mir Einiges ein. Nur dann würde ich ins Moralisieren kommen.

Jetzt in diesem Augenblick gedenke ich der Mitglieder der weißen Rose, die so jung sterben mussten, weil sie das richtige taten in einer Zeit, in der alles falsch war. Sie waren einige wenige unter Millionen Menschen, die wegen einer falschen Sache, nämlich Größenwahn, Verlogenheit und Hass sterben mussten.

 

 

 

Cooler Vater? Schlechte Mutter?

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Cooler Vater?

Clint Lukas hat eine Kolumne im Tagesspiegel. Dort berichtet er jeden Sonnabend darüber, wie er sein Leben als Teilzeitvater der Tochter Wanda, sein Liebesleben und rauschhafte Wochenenden als Clubgänger in Einklang zu bringen versucht.

Wanda ist noch im Kitatalter. Leider ist sie aus ihrer Kita entlassen wurden, weil ihr Vater zu viele Interna über eben diese Kita im Tagesspiegel ausgeplaudert hat. Clint Lukas ist geschieden und sehnt sich nach einer neuen Beziehung. Über eine Onlineplattform und bei seinen Clubgängen lernt er Frauen kennen, bei denen es manchmal zu mehrtägigen oder mehrwöchigen Beziehungen kommt. Wanda lernt einige dieser Frauen kennen, und es entstehen Anfänge einer Bindung zu ihnen.

Da Wanda keine Kita mehr besucht, ist sie jetzt häufiger mit ihrem Vater zusammen, der am Wochenanfang meistens mit den Folgen des Wochenendes zu kämpfen hat. Wanda bemerkt das und es entspannt sich eines Montags folgender Dialog: „Papa, warum bist Du so kaputt?“ „Weil ich am Wochenende ganz viele Drogen genommen habe.“ „Was sind Drogen?“ „Wie Medizin, nur andersrum.“

Clint Lukas erklärt seiner Tochter, dass er Drogen braucht um sich aus seinem anstrengenden Leben auszuklinken. Wanda hat volles Verständnis und schlägt vor, dass sie sich zuhause einen Film ansehen würde, damit der Vater sich ausruhen könne.

Clint Lukas ist sehr stolz auf seine Tochter und hofft: „dass sie nicht nur wegen der Trennung so schnell erwachsen geworden ist.“

Der Kindesvater verkennt, dass sich die Eltern-Kind-Rolle bereits gedreht hat. Wanda übernimmt, wie es häufig bei Kindern von labilen Suchtgefährdeten oder bereits süchtigen Eltern der Fall ist, die Verantwortung für das Zusammenleben. Sie geht noch nicht mal in die Schule und ist „so schnell erwachsen geworden.“

 

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Schlechte Mutter?

In meiner Nachbarschaft wohnt Janine Bergmann (Name geändert). Sie teilt sich das Sorgerecht für den vierjährigen Sohn Tim mit dessen Vater. Janine ist arbeitssuchend und bezieht zurzeit Hartz4.

Manchmal wird ihr alles zu viel. Sie geht am Wochenende in die Kneipe in ihrer Straße, betrinkt sich und raucht hin und wieder einen Joint. Manchmal lernt sie einen Mann kennen, den sie für eine Nacht mit nachhause nimmt. Sie versucht die Männer wegzuschicken, bevor Tim aufwacht, aber das gelingt nicht immer. Montags verschläft sie oft und bringt Tim dann mit Verspätung in die Kita. An einem dieser Montage bittet die Kitaleiterin sie in ihr Büro. Sie hält Janine das Zuspätkommen und den Alkoholgeruch vor, und droht ihr an, das Jugendamt einzuschalten, falls das so weitergehen würde.

Janine liebt ihren Sohn und beschäftigt sich viel mit ihm, aber sie weiß, dass sie als schlechte Mutter angesehen wird. Janine hat niemanden, mit dem sie darüber reden kann. Sie bezeichnet sich selbst auch als schlechte Mutter.

Die Große Koalition und die Duldung der Armut

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Ein neues Konzept für eine Grundrente.

Der Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) fordert ein neues Konzept für eine Grundrente. Jeder Arbeitnehmer der 35 Jahre gearbeitet hat, soll demnach Anspruch auf eine Rente von ca. 950 Euro haben. Der Koalitionspartner CDU hält diese Forderung für nicht umsetzbar und beruft sich auf den Koalitionsvertrag. In diesem heißt es in einem kleinen Abschnitt zu Senioren und Seniorinnen: „Sie (die SeniorInnen) sollen möglichst lange gesund und aktiv bleiben, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben und selbstbestimmt in Würde alt werden können. Dabei helfen wir auch denjenigen, die unsere besondere Unterstützung brauchen. Wir wirken Altersdiskriminierung entschieden entgegen.“

Wie wirken wir Altersdiskriminierung entgegen?

So simpel es sich anhört: um gesund und aktiv zu bleiben, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben und selbstbestimmt in Würde alt werden können, brauchen auch alte Menschen ein ausreichendes Einkommen. Doch die Lebenswirklichkeit vieler RentnerInnen in Deutschland sieht ganz anders aus. Eine Gemengelage aus den verfehlten Hartz-IV Gesetzen, Niedriglöhnen und mangelnder Unterstützung am Arbeitsmarkt von Menschen mit Kindern, besonders von allein erziehenden Müttern führt zu vielfacher Armut im Alter

Seit 2011 sind Zeiten des Bezuges von Sozialleistungen nach Hartz-4  nicht mehr Rentenversicherungspflichtig. Daneben gibt es keine Rentenpunkte mehr. Diese waren vorher schon bei Leistungsfall ab Arbeitslosenhilfe eher dürftig. Dennoch fehlen den Menschen die Einkommen, für eine spätere Rente. Gleiches gilt auch, wenn die Versicherten und Betroffenen ständig wechselnde Jobs haben oder hatten. Oder wer aus einer festen Anstellung in einen Zeitarbeitsjob gerutscht ist, der viel schlechter bezahlt wurde, als der vorherige Job. Damit fehlt wieder Geld für die spätere Rente.

Immer mehr RentnerInnen stehen bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel an. Laut Bundesverband der Tafeln in Deutschland hat sich die Zahl der bedürftigen SeniorInnen binnen zehn Jahren verdoppelt. Der Verbandsvorsitzende Jochen Brühl sagte in einem Interview: „Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner. Das sind in etwa 350.000 Menschen.“

Die Duldung von Armut in Deutschland ist ein Skandal

Die RentnerIn in der Warteschlange zur Tafel ist eine Zeugin politischen Versagens. Deutschland ist gnadenlos zu seinen Menschen, die im Alter von einer Minirente leben müssen. Ein alleinstehender Mensch erhält eine Grundsicherung von 416,00 Euro im Monat und die Übernahme der Miete, soweit sie den Behörden angemessen scheint. Damit ist tatsächlich der notwendigste Bedarf gedeckt. Doch was bedeutet dies im Alltag der alten Menschen?

Es heißt nun, bis an das Lebensende mit dem sorgenvollen Blick auf den kleinen Etat beschäftigt zu sein. Urlaubsreisen, Cafebesuche, Geschenke zu Festtagen für die Enkelkinder, Bücher kaufen, Handyrechnung und vieles mehr was das Leben bereichert, erfreut oder leichter macht, fällt aus oder trägt dazu bei, dass am Essen gespart werden muss.  Zur Tafel zu gehen ist für alte Menschen keine Lösung, sondern eine Zumutung.

Die SPD muss endlich Stärke zeigen

Wird die SPD endlich mal Stärke zeigen, oder sich wieder sich als schwache  Koalitionspartnerin zeigen und einem schlechten Kompromiss zustimmen?  Die Altersarmut muss beendet werden. Mit einer Grundrente oder mit einem spürbaren Zuschlag für alte Menschen in der Grundsicherung. Dieses aus der Erkenntnis heraus, dass das Leben im Alter mühseliger wird und dem Wissen, dass auch die Mehrzahl der Menschen mit einer kleinen Rente viele Jahre lang gearbeitet haben und/ oder Kinder aufgezogen haben. Damit alle Menschen selbstbestimmt und in Würde alt werden können.

#Nazis Raus!

rain-1011997_1920„Nazis raus ist“ seit vielen Jahren eine Antwort auf die rechtsradikale Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ Zum Jahreswechsel 2018/ 2019 postete die ZDF-Journalistin Nicole Dieckmann auf ihrem privaten Twitteraccount „Nazis raus“.  Auf die Frage, wer denn alles als Nazi gelte, antwortete sie sarkastisch „alle, die nicht grün wählen“.  Daraufhin brach ein gewaltiger Shitstorm mit Beschimpfungen, Vergewaltigungs- und Morddrohungen auf die Journalistin nieder.

Glücklicherweise gab und gibt es eine große Solidaritätswelle von JournalistInnen, BenutzerInnen der sozialen Medien und PolitikerInnen.  #NazisRaus trendete am 7. Januar 2019 auf Platz 1 in Deutschland bei Twitter.

„Nazis raus“ als Slogan

Ich stimme „Nazis raus“ aus vollem Herzen zu und habe doch Schwierigkeiten damit, diese zwei Wörter als Slogan zu benutzen, sie meinen Accounts in social media beizufügen oder sie bei Sprechchören auf Demonstrationen zu rufen. Ich habe kein Problem damit, wenn AFD-WählerInnen sich beleidigt fühlen, wenn sie als Nazis bezeichnet werden. Wer eine Partei mit einer faschistischen Ideologie wählt, schadet der freien demokratischen Gesellschaft, auch wenn er oder sie das demokratisch verbriefte Recht dazu hat.

Als Bezirksverordnete in Berlin-Neukölln bin ich Zeugin des Auftretens der ausschließlich aus Männern bestehenden AFD-Fraktion. Eine parlamentarische Arbeit, die einem guten Funktionieren des Bezirks zu Gunsten der BewohnerInnen dienen soll, wird durch die Störaktionen der AFD erschwert bis zeitweise verunmöglicht. Die Sprache ist oft offen rassistisch und „Nazis raus“ ist auch für mich ein naheliegender Gedanke.

Slogans können Identitätsstiftend sein, geben das Gefühl in  einer Gemeinschaft von vielen Gleichgesinnten zu sein, und Slogans können auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen.  „Nazis raus“ darf nicht heißen, die Sprache der Nazis nachzuahmen, in dem ihre Hasssprache mit „…muss weg“ oder  „…muss raus“ gedankenlos genutzt wird.

Wie konnte es dazu kommen?

Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass die Rechtsextremisten derart an Zuwachs gewonnen haben? „Nazis raus“ zeigt auf, dass Nazis rein gekommen sind. Es gab nationalistische und antidemokratische Gruppen in Deutschland schon immer. Schon lange bevor die vielen Geflüchteten nach Deutschland kamen, gab es Feindseligkeiten und Vorbehalte gegen Menschen ohne Arbeit, Obdachlose und MigrantInnen. Etliche Medien griffen und greifen Themen wie Migration, Armut oder Kriminalität in reißerischer Weise auf und erzeugen so ein Klima der Angst. Nicht nur rechtspopulistische PolitikerInnen machen diese gefühlte Bedrohungslage zu ihrem Thema. Die AFD ist eine Partei, die offen auf Hass auf Minderheiten und Angst vor einer Bedrohungslage durch Einwanderung setzt. Mit dem Aufstieg der AFD wurde vielerorts die Sprache in den Parlamenten, Medien  und in der Gesellschaft rauher. Politische GegnerInnen „Gutmenschen“, „links/grün-versifft“ zu nennen, gehört noch zu den harmlosen Bezeichnungen.

„Nazis raus“ darf nicht nur ein Slogan sein, sondern ist eine schwere Herausforderung.

„Nazis raus“ heißt nicht, wir wollen die Menschen, die sich rechtspopulistisch äußern, aus Deutschland rauswerfen. Dies ganz im Gegenteil zu den nationalistischen und antidemokratischen Gruppen. Diese haben es schon immer ernst gemeint mit „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus.“ „Nazis raus“ muss heißen: wir wollen keine Menschen mit faschistischer Ideologie in Institutionen und im Parlament. Wir als DemokratInnen beteiligen uns nicht an sprachlichen und politischen Entgleisungen. Die Bewahrung der freiheitlich demokratischen Grundordnung bleibt eine schwere Aufgabe.

 

Weihnachtsmarkt

Weihnachtsmärkte als Orte des Terrors

Letzte Woche besuchten meine Schwiegertochter und ich den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin. Ich schrieb den untenstehenden Blogartikel dazu, der auch meine Erinnerung an den furchtbaren Terrorakt während  der Weihnachtszeit 2016 enthält. An dem Tag, als ich den Artikel fertig gestellt hatte, wurden auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt mehrere Menschen ermordet und andere schwer verletzt.

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Der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz

Meine Schwiegertochter ist Afrikanerin. Wegen bürokratischer Hindernisse müssen sie und mein Sohn zur Zeit noch eine Fernehe führen, und sie ist jetzt zum dritten Mal mit einem Visum in Berlin. Das erste Weihnachtsfest in Deutschland, und es war ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt und dem weihnachtlich beleuchteten Kurfürstendamm angesagt.

Wir beide fuhren mit der U-Bahn zum Wittenbergplatz und nicht nur BerlinerInnen wissen, dass sich dort das Kaufhaus des Westens, KadeWe, genannt, befindet. Weder meine Schwiegertochter noch ich haben die finanziellen Möglichkeiten, dort einzukaufen. Das machte uns einen kleinen Bummel durch das prächtige Kaufhaus leicht. Ohne den Druck etwas zu kaufen, fuhren wir die Rolltreppen auf und ab, staunten über die üppige Weihnachtsdekoration, die teuren Designerklamotten und über das unglaublich große Angebot an Weihnachtszubehör für zuhause. Schließlich verließen wir das Haus der teuren Wunder, um unseren Spaziergang fortzusetzen.

Beeindruckt von der feierlichen Straßenbeleuchtung  erreichten wir den schwer abgesicherten Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. Auf dem Platz selbst ist von den Sicherheitsmaßnahmen nichts zu spüren.

Und hier zwischen den Glühweinständen, dem Duft leckerer Weihnachtsspezialitäten und blinkenden Lichtern wurde mir plötzlich klar, was ich bis dahin verdrängen konnte: Dieser Ort ist auch ein Ort des Schreckens. Hier sind Menschen auf furchtbarste Art gestorben und für andere hat sich das Leben auf schlimme Weise für immer geändert. Ich blieb ratlos stehen. Meine Schwiegertochter nahm meine Hand „ist that the place?“ „Yes“ flüsterte ich. Wir blieben eine Weile stehen, bis meine Schwiegertochter energisch in Richtung Glühweinstand strebte. Sie hatte von diesem Getränk viel Gutes gehört und wollte es nun endlich erstmalig ausprobieren. Und tatsächlich. Sie war begeistert. Ich dagegen bin eine bekennende Glühweingegnerin. Trotzdem freute ich mich über ihre Begeisterung. Ich kaufte dann noch heiße Maronen für uns und so schlenderten wir über den Platz und sahen uns fast jeden Stand an.

Der Breitscheidplatz wird dominiert von der Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche und der dazu gehörigen neuen Kirche. Wir beschlossen, den Bummel mit einer Besichtigung abzuschließen.

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In der Kirche

Nach der Besichtigung der Turmruine gingen wir in die in den sechziger Jahren eingeweihte Kapelle mit der eindrucksvollen Christusfigur und den wunderbaren blauen Fenstern. Die Orgel erklang und wir befanden uns in einem Raum, der uns vor Lärm und Hektik von draußen abschirmte. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns zu diesem Zeitpunkt  im richtigen Raum befanden. Während meine Schwiegertochter tief gläubig ist, habe ich trotz meines Alters noch religiöses Chaos in mir. Meine katholische Kindheit ermöglicht mir ein tiefes Verständnis für gläubige Menschen. Ich selbst lebe von der Kirche abgewandt und suche nach Antworten, die den Sinn des Lebens betreffen. Eine Weile saßen wir so in Gedanken versunken da.

Interkulturelles Essen

Wieder draußen im Weihnachtsrummel meldete sich der Hunger. Meine Schwiegertochter wünschte sich ein spezielles Gericht zu essen, dass alle Deutschen essen würden und ganz typisch deutsch sei. Sie wisse nur den Namen dieser Spezialität nicht, aber sie sei sich sicher, dass es das auch hier am Kudamm gäbe. Nun ist es so, dass die Deutschkenntnisse meiner Schwiegertochter und meine Englischkenntnisse sich auf einem ähnlichen Niveau befinden, nämlich sehr ausbaufähig. Schließlich fand ich heraus, was sie sich wünschte. Das war leicht zu erfüllen. Wir eilten  zu einer mir bekannten Bude am Wittenbergplatz und verspeisten genüsslich Currywurst mit Pommes.

 

 

Der Rückzug der Frau Dr. Merkel

angela-merkel-60603_1920Der Rückzug

Angela Merkel hat ihren Rückzug aus der Politik angekündigt. Sie wird im Dezember nicht bei den Wahlen für den Parteivorsitz der CDU kandidieren und auch nicht als Kanzlerkandidatin bei den nächsten Bundestagswahlen. Die Medien überschlagen sich zu Recht in respektvollen Ehrenbekundungen für diesen Entschluss.

Warum ist Herr Seehofer noch im Amt?

Frau Merkel, die als mächtigste Frau der Welt gilt, hat für sich die Konsequenz aus den verheerenden Ergebnissen der letzten Landtagswahlen für die Koalition gezogen.  Frau Merkel gilt mit ihrem sachlichen Politikstil als verlässliche Partnerin vieler Regierungen weltweit. Warum aber Herr Seehofer, der größte Krawallmacher in der Regierung, noch im Amt ist, erschließt sich mir nicht.

Wie soll es weitergehen?

Der/ die neue Parteivorsitzende wird Kanzlerkandidatin werden. Es werden Namen genannt, bei denen sich mir der Magen umdreht: Spahn und Merz. Annegret Kramp-Karrenbauer ist erzkonservativ, aber sie scheint mir eine würdige Nachfolgerin für Merkel.

Ich bin keine CDU Wählerin. Ich bin Grüne und folglich wähle ich auch nicht die SPD. Auch die SPD müsste Konsequenzen aus den Wahlergebnissen der Landtagswahlen ziehen. Kann sie aber nicht, da das Personal fehlt.  In einer neuen Regierung würde ich eine grün/rote Koalition favorisieren. Doch mit dieser schwachen SPD geht nichts mehr.  Ob sie es noch schafft, sich für die Agenda 2010 zu entschuldigen und sich gründlich zu erneuern, ist nicht absehbar.

Ich bin froh über das sehr gute grüne Ergebnis bei den Landtagswahlen, das wir mit der Konzentration auf unsere Kernthemen und mit kompetenten KandidatInnen erzielt haben.

 

 

 

Säuglingssterblichkeit in Neukölln

 

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In Berlin Neukölln ist seit Jahren eine fast doppelt so hohe Säuglingssterblichkeit festzustellen als in allen anderen Berliner Bezirken. Ich bin als Bezirksverordnete und Mitglied des Gesundheitsausschusses der Grünen in Neukölln seit einiger Zeit mit dem Problem beschäftigt. Viele Medien berichteten schon darüber.

Heute am 17.10.2018 erschien dazu in der taz -die tageszeitung ein Artikel. Die Autorin ist Uta Schleiermacher, die mich interviewte:

„Rätseln um hohe Säuglingssterblichkeit

Es ist eine alarmierende Zahl, und bisher kann niemand sie wirklich erklären. In Neukölln sterben deutlich mehr Säuglinge innerhalb ihres ersten Lebensjahres als in den anderen Bezirken – fast doppelt so viele wie im Berliner Durchschnitt. Das zeigt der ausführliche Gesundheitsbericht des Bezirks. Von 1.000 Babys überleben in Neukölln durchschnittlich 5,3 ihr erstes Lebensjahr nicht. Etwa die Hälfte davon stirbt bereits während der ersten Lebenswoche. Der Durchschnitt für ganz Berlin ist 3,1.

Besonders drastisch ist der Vergleich zum Bezirk Steglitz-Zehlendorf, in dem durchschnittlich 1,4 Kinder das erste Lebensjahr nicht erreichen. Und während bundes- und landesweit die Fälle weniger werden, steigt die Säuglingssterblichkeit in Neukölln sogar. Auch die Zahl der Totgeburten nimmt zu. Beide Tendenzen lassen sich schon seit ein paar Jahren beobachten. Die Zahlen beziehen sich auf die jeweils in den Bezirken gemeldeten Kinder.

Im Bezirk macht man sich nun auf die Suche nach den Ursachen. Eine Mitarbeiterin des Stadtrats für Gesundheit, Falko Liecke (CDU), sichtet zurzeit die entsprechenden Leichenschauscheine noch mal manuell. Liecke erhofft sich daraus Erkenntnisse über die Todesursachen. „Vielleicht kommt dabei auch heraus, dass die Zahlen gar nicht stimmen und dass der Fehler in der Statistik liegt“, sagt er.

Auch die Bezirksverordnetenversammlung diskutiert seit Monaten über das Thema, das auch für die heutige Sitzung am Mittwoch wieder auf der Tagesordnung steht. Von Antworten sind alle aber noch weit entfernt. Denn dass Armut krank macht, ist zwar erwiesen. Aber allein die soziale Lage in Neukölln kann die hohen Fallzahlen nicht erklären. Denn sie unterscheiden sich nicht nur von den Zahlen in reicheren Bezirken, sondern auch vom Bezirk Mitte, der eine ähnliche Sozialstruktur wie Neukölln hat. Auch, dass es nur sehr wenige Frauen­ärzt*innen in Neukölln gibt, reicht als alleinige Erklärung nicht aus.

„Es gibt anscheinend eine Gruppe, die wir nicht erreichen, und das schon seit Jahren“, sagt Ursula Künning, die als Bezirksverordnete für die Grünen auch im Gesundheitsausschuss sitzt. Das Problem müsse unbedingt weiter erforscht werden, gleichzeitig müssten präventive Maßnahmen ausgebaut werden. „Wir müssen möglichst schnell herausfinden, ob es beispielsweise an mangelnder Gesundheitsaufklärung liegt, an Erkrankungen der Mütter, an der Lebensführung, wenn Mütter rauchen oder Alkohol trinken, oder ob es die mangelnde Gesundheitsversorgung im Bezirk ist“, sagt Künning.

Dass bisher niemand eine Erklärung für die hohe Säuglingssterblichkeit in Neukölln hat, bedeutet nicht, dass sich Verantwortliche mit Spekulationen zurückhalten. Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) äußerte im Sommer die Vermutung, die Säuglingssterblichkeit könnte an Verwandtenehen liegen. Der Unterton war deutlich: viele Migranten bedeute viele Ehen zwischen Cousins und Cousinen, und aus diesen Verbindungen gingen Kinder mit schweren Behinderungen hervor. Die Bezirksverordnete Ursula Künning hält diese These jedoch für schädlich. „Es muss gar nichts mit irgendeinem Migrationshintergrund zu tun haben. Wir wissen schlicht und einfach nicht, woran es liegt“, sagt sie, „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Vorurteile befeuern, die sowieso schon bestehen.“

Inzwischen ist Liecke zurückgerudert, doch so ganz abrücken möchte er von dieser Theorie nicht. „Es eine mögliche Erklärung“, sagt er und beruft sich auf eine Studie, nach der das Risiko für genetische Defekte unter Verwandten achtmal höher sei. „In welcher Größenordnung das passiert und welche Auswirkungen das hat, kann ich nicht sagen.“

Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass sich das jemals herausfinden lässt. Denn weder ist ein Zusammenhang zwischen Verwandtenehen und Säuglingssterblichkeit wissenschaftlich erwiesen, noch der zwischen Migranten und Verwandtenehen. Es gibt auch überhaupt keine statistischen Zahlen darüber, wie viele Menschen in Neukölln mit einem näheren Verwandten verheiratet sind. Und die absoluten Fallzahlen der toten Säuglinge sind schließlich so gering, dass sich solch ein Zusammenhang statistisch auch nicht nachweisen ließe.

Liecke will dem trotzdem weiter nach­gehen – als einer möglichen Erklärung, warum die Zahlen in Neukölln anders sind. „Es kann ein statistischer Fehler sein, es kann an der ärztlichen Versorgung liegen, an Armut und Bildungsferne, an mangelnder Schwangeren-Beratung – oder eben an Verwandtenehen“, sagt er. Natürlich könne ein System immer verbessert werden, doch in Neukölln seien auch schon viele Angebote für junge Eltern umgesetzt. Vorsorgeangebote seien allerdings noch ausbaufähig. „Mein Eindruck ist, dass viele erst zum Frauenarzt gehen, wenn sie akute Beschwerden haben, anstatt regelmäßig zu Vorsorge-Untersuchungen zu gehen“ sagt er. Bis aus solchen Mutmaßungen und Eindrücken Gewissheit wird, wird es allerdings noch eine ganze Weile dauern.“