Kinder und Dealer im Görlitzer Park

Morgendlicher Hundespaziergang im Görlitzer Park. Vor mir läuft eine Gruppe von geschätzt 15 Kindergartenkindern. Begleitet werden sie von mehreren Erwachsenen. Es wird viel gelacht und gesprochen. Die ganze Gruppe wirkt fröhlich und entspannt. Da meine Hündin Patti Angst vor Kindern hat, bleibe ich stehen und will abwarten bis die Gruppe sich entfernt. Links neben mir ist eine kleine Anhöhe mit einer Treppe. Das ist ein beliebter Standort der hier ansässigen Dealer. Auch heute halten sich hier wieder einige dieser jungen Männer auf.

Die Kindergruppe bleibt stehen, um sich etwas am Wegesrand anzusehen. Etwa fünf Kinder scheren aus und laufen zu den Dealern. Ein Kind spricht einen Dealer an: „Hallo.“ „Hallo, wie geht es Dir?“ kommt es fröhlich zurück. Es entwickelt sich eine muntere Kommunikation. Kinder und Dealer sprechen sich mit Namen an. Man kennt sich.

Ich sehe mich nach den ErzieherInnen um. Mindestens eine von ihnen hat die Kinder im Blick. Ich kehre um und suche mir einen anderen Weg.

Was ist hier los? Die Kinder kommen, wie ich ihrem Äußeren und ihren Vornamen nach vermute, aus akademischen gut situierten Familien. Andere können sich eine Wohnung rund um den Görlitzer Park nicht leisten. Diese Eltern kennen das Konzept der Kita. Sie werden wissen, dass die Kinder im Park sind und Kontakt mit den Dealern haben.

Wollen Sie ihren Kindern Kontakte mit Menschen aus dem nicht deutschen Kulturraum ermöglichen? Dafür gibt es in Berlin doch sehr viele andere Möglichkeiten. Sollen die Kinder etwas über geflüchtete Menschen erfahren, denen nur die Dealerei das Überleben ermöglicht? Vielleicht wäre es besser, die Kinder mal am Abend in die Küchen der schönen teuren Restaurants rund um den Görlitzer Park mitzunehmen. Dort treffen sie Menschen aus den gleichen Ländern wie die Dealer. Nur, dass hier unter elenden Bedingungen schlecht bezahlt und ohne Sozialversicherung das Geld zum Überleben erarbeitet wird.

Ich vermute, es ist eine Marotte des neuen BürgerInnentums. Ja, wir sind links und gegen hohe Mieten, obwohl wir erst in diese teure Wohnung gezogen sind. Wir bringen unseren Kindern bei, dass es anderen Menschen nicht so gut geht wie uns. Das kann durch die Kita vermittelt werden. Unsere Kinder sind in guten Händen. Wir müssen ihnen nicht beibringen, dass sie keinen Kontakt zu fremden Menschen aufnehmen sollen. Sie sind ja nie alleine, sondern werden überall hingefahren, begleitet und beaufsichtigt. Wir leben in Kreuzberg und schon das beweist wie offen und tolerant wir sind. Nur schade, dass die Parkplätze so knapp sind.

 

 

 

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Sommer ohne Regen

Sommer ohne Regen

Schwäne auf dem Landwehrkanal,

ohne Bewusstsein für ihre Bedeutung in der Szenerie Kreuzberg.

Mit Schönheit ausgestattet und

mit unzähligen Kameras  dokumentiert.

Eine Reihe bilden sie, schwimmen

ruhig auf trübem Kanal

ohne Sorge um den niedrigen Wasserstand.

Hoch die Flügel und ein Preschen über das Wasser bei Schwanenaufregung.

Nun werden die Smartphones  gezückt.

Etwas fehlt seit vielen Wochen.

Regen.

Es ändert sich die Zeit.

Gleichgültig steht die Sonne.

Es ist die Zeit der fallenden Blätter im August.

Neuartige Sommer warten auf uns.

Auf dem Gehweg liegt ein Mensch.

Ein schmutziges Bündel?

Am Vormittag gehe ich mit meiner Hündin Patti auf dem breiten Gehweg der Reichenberger Straße. Hier tobt wie immer das Kreuzberger Leben. FußgängerInnen jeglichen Alters und aus vielen Ländern. Hunde an der Leine und Hunde ohne Leine. RadfahrerInnen, denen das Fahren auf der Straße zu gefährlich ist und die längst vergessen haben, dass ein Gehweg zum Gehen gemacht ist und ein wenig Vorsicht beim Fahren angebracht wäre. Am Rande des Gehwegs und in den kleinen Grünflächen dort ist viel Platz für Müll und überflüssige Wohnungseinrichtungen. Ich bin nicht erstaunt darüber, dass ich schon von weitem mitten auf dem Gehweg ein Bündel bedeckt mit einer schmutzigen Decke sehe.

Da schauen Füße heraus.

Unter der Decke ragt ein Paar schmutziger nackter Füße heraus. Ich betrachte mir das Ganze von vorne und sehe einen strubbeligen Haarschopf.  Nun ist Ansprache nötig. Ich bringe ein freundliches aber entschiedenes „Hallo“ heraus. Zu meinem Erstaunen und zu meiner Erleichterung kommt sofort ein frisches, aber etwas genervtes “ Alles in Ordnung“ vom Gehweg zu mir hoch. „Hm“ sage ich nur. Der wahrscheinlich junge Mann versichert mir, noch am Boden liegend, dass er gleich aufstehen werde.  Es kommt mir so vor, als wäre ich nicht die erste Person, die ihn an diesem Vormittag angesprochen hat.

Irgend etwas ist nicht in Ordnung.

Ich gehe weiter, aber es nagt in mir. Hätte ich darauf bestehen sollen, dass er aufsteht? Offensichtlich ist er nicht in Lebensgefahr. Es ist Sommer und er kann nicht erfrieren. Ich gehe weiter, es nagt in mir und irgend etwas ist nicht in Ordnung.

Im Görlitzer Park

marijuana-3065621_640Morgens gehe ich oft mit meiner Hündin Patti in den Görlitzer Park. Entgegen der Vorstellung vieler Menschen außerhalb Kreuzbergs ist der Görli kein verkommener Flecken Erde, sondern eine große gepflegte Grünanlage. Im Sommer ist der Park so voller Menschen, dass die Hündin sich weigert, auch nur eine Pfote da hinein zu setzen. Morgens, besonders im Winter ist der Andrang nicht so groß. Doch die Hunde sind da, sie sind immer da. Freilaufende Hunde in großer Anzahl, die zur Freude ihrer sogenannten Herrchen und Frauchen, so wie ich eines bin, fröhlich herumtollen, rennen, bellen und sich ihres Lebens freuen. Für Menschen mit Hundephobie kann dieser Umstand leider unerträglich sein.

Auch die Dealer sind schon früh am Morgen da. Die Geschäfte laufen zu jeder Tageszeit gut. Jetzt decken sich Schüler, Studierende, eilige Büroangestellte, sowie junge Eltern nach der Abgabe der Kinder in die Kita, mit dem, was es im Park zu kaufen gibt, ein. Die Eltern sind an den Kindersitzen auf den Fahrrädern zu erkennen. Die Dealer sind auf einem langen lebensgefährlichen Weg hierhergekommen. Ihr Geschäft ist illegal, der behördliche Umgang mit diesem Umstand hängt davon ab, welche Parteien gerade die Stimmenmehrheit im Berliner Senat haben. Es gab eine Zeit der Nulltoleranz mit hohem Polizeiaufgebot im Park, doch jetzt befinden wir uns in einer Zeit der Toleranz. Zwar herrscht in der Auslegung der Rechtslage eine gewisse Uneindeutigkeit, doch wären wir nicht in Deutschland und auch nicht in Kreuzberg, wenn in Sachen illegalen Drogenverkaufs keine Ordnung herrschen würde. Um den geordneten Verkauf zu gewährleisten, wurden vom Bezirksamt sechs im Schichtdienst arbeitende, sogenannte Parkläufer, eingestellt. Diese sprachkundigen Männer vermitteln den Verkäufern die einzuhaltenden Regeln: kein Verkauf an Kinder und Jugendliche, keine Belästigung von Frauen, kein Spalierstehen an den Parkeingängen. Ob die Dealer diese Regeln schriftlich erhalten und unterschreiben müssen, ist mir nicht bekannt. Viele Menschen in Kreuzberg bezeichnen die Dealer als arme Menschen, die in ihrer Not nichts anderes tun können als im Park Drogen zu verkaufen. In Wirklichkeit stehen sie da weil Kundschaft vorhanden ist.

Der Verkauf von Cannabis findet in dieser Weise statt weil eine obskure Rechtslage auch sogenannte weiche Drogen vor ca. 100 Jahren zu Rauschgift erklärt hat und damit dem legalen Handel unmöglich gemacht hat. Dies gilt wie in Deutschland, in vielen Ländern und Staaten. Trotzdem ist es in Deutschland besonders leicht, mehr oder weniger preiswert, aber immer legal zu einem Rausch zu kommen. Alkohol, auch in hochprozentiger Form steht überall zur Verfügung und wird in weiten Teilen der Gesellschaft nicht nur toleriert, sondern gefördert und gefeiert.

Jetzt wird wieder über eine Freigabe von Cannabis diskutiert. Ich bin dafür, natürlich unter Beachtung des Jugendschutzes. Legalize it!