Die Nordsee ist immer dicht bei mir.

Das ist mein Beitrag zur  Blogparade des Deutschen Historischen Museums Berlin: Europa und das Meer – Was bedeutet mir das Meer? #DHMMEER

Das Meer meiner Kindheit ist die Nordsee.

Unzählige Male finden Familienspaziergänge am Weserdeich statt. Der Fußweg von unserer Wohnung in Bremerhaven-Mitte dauert für Erwachsene gerade mal eine Viertelstunde. Für unsere große Familie mit fünf Kindern, eines davon immer im Kinderwagen, kann es schon mal länger dauern. Ich weiß, dass die Weser von unserem Deich aus nur noch einen sehr kurzen Weg direkt in die Nordsee hat und dass von hier aus viele Schiffe nach Amerika fahren. Bei gutem Wetter und mit großer Mühe kann ich Amerika von unserem Deich aus sehen. Aber das gelingt nur mir.

Eines unserer größten Vergnügungen ist es, den mit Gras bewachsenen Deich herunterzurollen und dabei zu hoffen, nicht zuviel Schwung zu haben, um nicht versehentlich in der kalten Weser zu landen. Wir haben eine Jahreskarte für die Tiergrotten. Das ist der kleine Zoo am Deich mit Seehunden, Eisbären, spuckenden Lamas und kreischenden Affen. Wir interessieren uns mehr für die Meerschweinchen und sorgen uns an heißen Sommertagen darum, ob wir auch ein Eis bekommen. Meistens klappt das.

Manchmal unternehmen wir eine Reise von Bremerhaven nach Cuxhaven. Da bauen wir Sandburgen am Strand und suchen Muscheln. Die Nordsee ist immer dicht bei mir.

Am 16. Februar 1962 bin ich neun Jahre alt und feiere in wenigen Tagen meinen 10. Geburtstag. Der Tag ist kalt, nass und stürmisch, was für Bremerhaven nicht ungewöhnlich ist.

Die Sturmflut

Am Freitag, dem 16. Februar 1962, zieht ein ausgeprägtes Orkantief von Island über die Nordsee hinweg und presst gewaltige Wassermassen aus der Nordsee in die Trichtermündungen von Elbe und Weser. Die norddeutschen Radiosender melden Sturmwarnungen. Am späten Nachmittag zieht eine Kaltfront über Norddeutschland hinweg und der Sturm dreht  auf Nordwest. Es wird tiefdunkel, Blitz und Donner begleiten den Sturm, der jetzt in den Unwetterwarnungen von Radio Norddeich als Orkan mit der Windstärke 12 eingestuft wird.

An der gesamten Länge der Deutschen Nordseeküste sind die Deiche in großer Gefahr. An vielen Stellen brechen sie oder werden überspült. Aus dem flachen Land wird an vielen Orten eine große Seenlandschaft. Die Halligen und Inseln sind schwer betroffen. Auf der Insel Wangerooge wird der Deich in voller Länge überspült und teilweise zerstört. Das Nordseewasser ergießt sich in die Ortschaften. In den kleinen Küstenorten werden die im Hafen liegenden Fischkutter von der Flut aus der Verankerung gerissen, an den Deich geworfen und zerstört. Auch dadurch kommt es zu Schäden an den Deichen. Deichbrüche in Cuxhaven und dem Seebad Sahlenburg führen zu großen Überschwemmungen, teilweise bis weit ins Binnenland hinein. Eine bisher nie dagewesene Flutwelle strömt elbaufwärts.

In der Stadt Bremerhaven beginnen um 17 Uhr die Arbeiten zur Sicherung des Deiches durch das Technische Hilfswerk , die Feuerwehr und die US Army. Trotz aller Anstrengungen bricht der Deich an mehreren Stellen. An dem am Deich gelegenen kleinen Zoo bricht eine Mauer und etliche Tiere ertrinken. Trotz des schweren Wetters und der bereits eingetretenen Schäden gelingt es, den Deich zu sichern und zu halten. Ein erst im September 1961 fertiggestelltes Sturmflutsperrwerk bewahrt die Stadt vor einer Katastrophe. Der höchste Wasserstand am 16. Februar 1962 beträgt 5,37 Meter über Normal Null. Am 17. Februar zwischen zwei und drei Uhr am Morgen ist für die Stadt Bremerhaven die schlimmste Gefahr zu Ende.

Durch die rechtzeitigen Warnungen an die Bevölkerung, Evakuierungen  und den intensiven Einsatz der zuständigen Behörden und vieler HelferInnen sind an der Nordseeküste durch die Sturmflut keine Menschen ums Leben gekommen. Ganz anders sieht es in der Stadt Hamburg aus.

Kurz nach Mitternacht werden hier mehrere Elbdeiche überflutet und das Wasser fließt ungehindert in die Stadt. Mehr als dreihundert Menschen sterben in der Flut. Zwar unterbricht der Norddeutsche Rundfunk um 20.30 Uhr sein Programm mit folgender Nachricht „Für die gesamte deutsche Nordseeküste besteht die Gefahr einer sehr schweren Sturmflut. Das Nachthochwasser wird etwa drei Meter höher als das mittlere Hochwasser eintreten.“ Doch die Bevölkerung Hamburgs kann mit dieser Meldung nichts anfangen, da die Stadt 100 km von der Küste entfernt liegt. Hamburg erlebt die schwerste Katastrophe seit dem zweiten Weltkrieg.

Draußen tobt etwas

Am 16. Februar dürfen wir Kinder ab mittags die Wohnung nicht mehr verlassen. Wir wollen das auch nicht. Vom Wohnzimmerfenster aus haben wir einen großartigen Ausblick auf die Straße. Es stürmt viel gewaltiger als sonst. Menschen hasten durch die Straßen und kämpfen gegen den Sturm an. Wir hören Polizeisirenen und sehen Blaulicht flackern. Lautsprecherwagen fahren durch unsere Straße und warnen vor einer großen Flut. Irgendwann am Nachmittag wird es plötzlich stockdunkel, es blitzt und das Sturmgetöse wird übertönt von gewaltigem Donnerkrachen. Das ist nicht mehr spannend. Das ist schlimm. Wir müssen unsere Fensterplätze verlassen und unsere Mutter zieht die Vorhänge zu. Draußen tobt etwas, was auf keinen Fall näher kommen darf. Trotz der Unwettergeräuche von draußen, aufgeregter Gespräche mit Nachbarn und Mitteilungen aus dem Radio über SOS funkende Schiffe geht unser Familienleben seinen Gang mit Geschwisterstreit, Abendessen und zu Bettbringen der kleinen Kinder.

Später am Abend entschließt sich meine Mutter, die Kleinen noch einmal zu wecken und sie mit warmer Kleidung statt der Schlafanzüge zu versehen. Meine große Schwester und ich müssen gar keine Schlafkleidung anziehen. Unsere Wintermäntel, Schuhe und eine große Tasche stehen griffbereit im Flur. Wir erfahren, dass wir vielleicht unsere Wohnung wegen der Flut verlassen und weiter oben ins Haus gehen müssen. Wir wohnen in einem vierstöckigen Wohnblock mit einem flachen Dach. Ich glaube, da müssen wir hin. Aber wir können noch abwarten und dürfen fernsehen. Um 20.30 Uhr unterbricht der NDR sein Programm und  wir hören den Satz: „Für die gesamte deutsche Nordseeküste besteht die Gefahr einer sehr schweren Sturmflut.“

Leider müssen meine große Schwester und ich trotz allem ins Bett gehen. Wir sind voll bekleidet. Das ist ungewohnt und zu warm. Ich habe keine Angst, aber eine große Sorge treibt mich um. Ich habe bald Geburtstag. Müssen wir auf dem Dach feiern und wie soll das denn gehen? Wer kann dahin zu Besuch kommen? Wie ist es mit dem Kuchen und dem Geschenk?

Nach der Flut

Ich wache in meinem Bett auf. Die Sache mit dem Dach hat sich erledigt. Der Sturm hat sich gelegt. Nach und nach erfahren wir durch das Radio, was sich in der Nacht ereignet hat. Unser Weserdeich ist beschädigt, wird aber gerade repariert und steht noch da. In den Tiergrotten sind zum Entsetzen von uns Kindern Tiere ertrunken. Am Abend des 17. Februar sehen wir im Fernsehen schlimme Bilder aus Hamburg. Da sind viele Menschen gestorben. Andere Menschen befinden sich dort noch auf Dächern und konnten noch nicht gerettet werden. Am Sonntag den 18. Februar gehen wir wie immer in die Kirche. Dort beten wir ein Dankesgebet dafür, dass wir alle die Flut überlebt haben und wir beten für die Menschen in Hamburg, für die der Schrecken noch kein Ende genommen hat.

Am Dienstag den 20. Februar feiere ich meinen 10. Geburtstag mit Gesang, Geschenken, Kuchen und Besuch zuhause in unserer Wohnung.

Die Nordsee ist immer dicht bei mir.

Ich wohne seit vielen Jahren in Berlin. Ungefähr einmal im Jahr treffe ich mich mit meinen Geschwistern in Bremerhaven. Am Deich zeigen Flutanzeiger die Höhe der Sturmflut von 1962 an. Das Meer, insbesondere natürlich die Nordsee, ist hier allgegenwärtig. Im Auswanderermuseum, im Klimahaus, im Schiffahrtsmuseum. Überall wird klar, dass die Menschheit ohne das Meer nicht vorstellbar wäre.

Häufiger als an der Nordsee bin ich an der Ostsee. Es gefällt mir dort. Natürlich ist es dort ganz anders als an der rauhen Nordsee, doch Meere zu vergleichen ergibt keinen  Sinn. Da ich an der Ostsee am Meer bin, fühle ich mich auch dort mit der Nordsee verbunden. Die Nordsee ist immer dicht bei mir.

 

 

 

 

 

 

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