Wen darf ich überfahren – und wenn ja wie viele?

Wie würden Sie entscheiden?

Ein selbstfahrendes Auto muss einem Hindernis ausweichen: auf der einen Seite ein Kleinkind, auf der anderen ein Familienvater. Was ist moralischer, das Kind oder den Mann zu überfahren?

Was für ein Dilemma! Wer kann das entscheiden?

Wen darf ich überfahren und wenn ja, wie viele?

Diese Frage stellt sich dem Philosophen Richard David Precht nicht. Er geht es volkstümlicher an: „Auf der einen Seite stehen drei alte Frauen, auf der anderen Seite steht ein Kleinkind – was ist jetzt moralischer, drei alte Frauen zu überfahren oder ein Kleinkind? Und diese Frage stellt sich nicht, aus zwei Gründen: Der erste Grund ist: Kein selbstfahrendes Auto kann das unterscheiden. Und das Zweite ist: Ich programmiere das Auto generell mit einer Standardeinstellung – grundsätzliches Ausweichen nach links wenn möglich, und wenn nach links nicht möglich, dann nach rechts. Und dann ist die gesamte moralische Frage erledigt.“ So schnell hat sich für Herrn Precht die moralische Frage erledigt.

Ich habe den Hinweis zu dieser Aussage von Herrn Precht im Blog der 78jährigen Schriftstellerin und Bloggerin Elisabeth Scherf gefunden:

„Die Frage stellt sich nicht“!?, aber Herr Precht hat ohne Not, denn die Frage war ja gar nicht nötig – auf den schwarzen Grund seiner Männerseele gucken lassen.

Ich habe nur bis zu dieser Stelle gelesen, wo er nach moralischen Entscheidungen fragt, die selbstfahrende Autos nicht treffen können. Er nimmt als Problemkonflikt: auf der einen Straßenseite sind drei alte Frauen, auf der anderen ein Kind, wie soll das Auto entscheiden, wer soll dran glauben und überfahren werden.

Ich finde es ’ne Schweinerei, dass er nicht wenigstens nur eine alte Frau hilflos an den Straßenrand stellt und ein Kind – wäre schon schlimm genug – nein alte Frauen sind so wertlos, dass es wenigstens drei alte Frauen sein müssen, um das Kind aufzuwiegen. Das war mir einfach zu viel. Hab gleich aufgehört zu lesen. Ich glaube noch nicht einmal, dass ihm klar ist, was mich als FRAU und ALT so tief empört hat. Macho!!!!!“

Sprache ohne Moral

„Und dann ist die gesamte moralische Frage erledigt.“ Richard David Precht, Popstar der Philosophie, immer bereit Utopien über eine bessere Gesellschaft zu entwerfen und zu verbreiten, ein Meister der Sprache, äußert sich hier in schwerer Weise unmoralisch und diskriminierend. Er weiß, dass geschriebene und gesprochene Sprache auch gewalttätig sein, und weiteren Gewaltformen den Boden bereiten kann.

Diese Sprache schmerzt

Ich bin 66 Jahre alt und fühle mich den „drei alten Frauen“ zugehörig. Mich schmerzt es, so etwas zu lesen. In diesem Blog verweise ich weiterhin auf die Sprache, die den Boden für die bestehende strukturelle Gewalt gegen alte Menschen bereitet.

 

Das ganze Interview mit Richard David Precht im Deutschlandfunk

 

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Altersdiskriminierung durch Sprache

Diese Kategorie werde ich laufend ergänzen durch all die dummen Sprüche, die ich so über alte Leute höre und besonders lese. Sprache wirkt auch durch Verbreitung von Klischees, durch Verniedlichung und durch Herabwürdigung. Der alte Mensch und besonders die alte Frau wird sprachlich zum Neutrum, zum irgendwie trotteligen, nicht erwachsenen Irgendwas.  Ich habe das so satt.

Am 21. Juni 2018 berichtet der Tagesspiegel über eine besondere Aktion der Bundespolizei an den Berliner Bahnhöfen. Es würde ein totales Waffenverbot verhängt und am Wochenende würden Kontrollen in großem Ausmaß durchgeführt. Dazu der Sprecher der Bundespolizei: „Natürlich werde mit Augenmaß agiert an diesem Test-Wochenende, ein Zimmermann auf der Heimfahrt habe nichts zu befürchten, ebenso wenig wie „Oma Trude mit einem Messerchen zum Apfelschälen“.

https://www.tagesspiegel.de/berlin/verbot-an-bahnhoefen-polizei-verschaerft-waffenkontrollen-an-berliner-bahnhoefen/22714932.html

Heute am 22. Juni spielen die, so der Bericht des Tagesspiegels, „würdevoll gealterten Rolling Stones“ im Olympiastadion in Berlin.

https://www.tagesspiegel.de/berlin/pop-ikonen-in-berlin-die-rolling-stones-spielen-im-olympiastadion/22721096.html

Da komme ich ins Grübeln. Was ist überhaupt dieses oft zitierte würdevolle Altern? Warum haben das die Stones? Und warum hat „Oma Trude“ das anscheinend nicht? Warum wird Mick Jagger , der viele Kinder und Enkelkinder hat und bereits Urgroßvater ist, nicht „Opa Mick“ genannt? Wahrscheinlich weil er reich und berühmt, ein Mann ist, und einen Nachnamen hat. Trude hat nur ein Messerchen und will ausgerechnet in der U-Bahn Äpfel schälen.

Fortsetzung folgt eventuell.