Alt sein, diskrimiert sein?

 

Die dürfen diskriminiert werden.

Auf dem Video sehen wir alte, oder wie es heute heißt „ältere“ Menschen. Wären sie nicht so berühmt, würden sie schon mal von Menschen, mit denen sie nicht verwandt sind, als Oma oder Opa bezeichnet. Die Alten gehören zu den Menschen, die auch in sprachlich korrekt agierenden Kreisen bedenkenlos diskriminiert werden können.

Gewalt und Ausgrenzung durch Sprache.

Jeder Mensch, der nicht frühzeitig stirbt, wird einen fortschreitenden Alterungsprozeß durchleben und schließlich sterben. Das Individium an sich lebt ein Alter, in dem sein Selbst durch die vielen Lebensjahre geprägt ist, aber „das denkende Ich ist alterslos“ wie Hanna Ahrendt schreibt. Dieses denkende Ich sieht sich nun allerhand Zuschreibungen und Zumutungen ausgesetzt, die von den noch nicht alten Mitgliedern der Gesellschaft an die alten Menschen herangetragen werden.

Vergreisung und Überalterung der Gesellschaft. Alte, die durch ihre angeblich üppigen Renten die Zukunft der Jugend bedrohen. Hier dürfen Horrorszenarien entworfen werden, die sich gegen eine Gruppe richtet, die als homogen und aufgrund ihrer wachsenden Anzahl an Mitgliedern als bedrohlich empfunden wird. Das Ergebnis ist die strukturelle Gewalt, welche vielfach beklagt wird, ohne dass  Verbesserungen erkennbar würden.

Altersarmut, entwürdigende Zustände in etlichen Pflegeeinrichtungen. Der so genannte Pflegenotstand. Alles ist bekannt, alles wird hingenommen. Der große Aufstand bleibt aus. Die Alten selbst sind fassungslos darüber, dass ihnen das Alter zugestoßen ist, die noch nicht Alten verdrängen so gut sie können.

Süße Omis.

Zum Schluss noch dies: Auf facebook las ich den Beitrag eines jungen, politisch engagierten Menschen. Er schrieb begeistert über die guten Erfahrungen, die er im Praktikum im Pflegeheim gemacht hat. Die alten Menschen, die er dort antraf, rührten ihn in ihrer Freundlichkeit an. Besonders die „süßen Omis“ begeisterten ihn. Süße Omis! So schnell können Menschen nach einem langen Leben mit allen Erfolgen und Mißerfolgen über die Grenze eines erwachsenen Menschseins katapultiert werden. Was bleibt, ist nichts.

Hier noch etwas zum weiterlesen:
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Die Augenoperation

sunrise-1756274_640Dieses Älterwerden macht vor nichts Halt. Etliche Zähne haben schon das Zeitliche gesegnet und sind durch Implantate ersetzt worden – was eine tolle Erfindung ist. Jetzt ist mir die trübe Linse von meinem linken Auge entfernt worden und durch eine glasklare Kunststofflinse ersetzt – was auch eine tolle Erfindung ist.

Wenn die Sonne stört

Seit Jahren schon wurde meine Sehkraft kontinuierlich unzureichender. Was besonders störte, war die starke Empfindlichkeit bei Lichteinfall, also bei Sonnenschein. Da half auch die selbsttönende Brille mit den starken Gleitsichtgläsern nicht mehr. Es ist nicht gut für die Seele, wenn die Sonne zur Qual wird. Mir war dank Google und früheren augenärztlichen Untersuchungen schon klar, dass hier eine degenerative altersbedingte Veränderung mit dem seltsamen Namen „Grauer Star“ vorlag. Die medizinische Bezeichnung ist Katarakt, was Wasserfall bedeutet und beim Googeln auch zur Verwirrung führen kann. Der Augenarzt meines Vertrauens machte mir klar, dass ich mit der Operation zwar noch warten könne, wenn ich es denn unbedingt so wolle. Aber besser würde da nichts mehr, sondern schlimmer. Derart ermutigt, machte ich einen Termin zur ambulanten Operation aus und nach einer umfangreichen Voruntersuchung war es dann so weit.

Bloß keine Panik

In Begleitung meiner Lebensgefährtin fand ich mich pünktlich um 10 Uhr in der Praxis ein. Es war Operationstag und im Wartezimmer befanden sich ausschließlich Menschen meines Alters in prä- oder postoperativem Zustand. Die postoperativen waren an den weißen Verbänden über einem Auge zu erkennen. Alle anderen daran, dass andauernd vorbereitend Augentropfen vom medizinischen Personal gegeben wurden. Die Atmosphäre in der Praxis war freundlich bis herzlich und so wartete ich nicht allzu beunruhigt auf meine Operation. Leider sank meine Zuversicht als sich herausstellte, dass mein Augeninnendruck viel zu hoch war, und dass ich Tabletten dagegen nehmen musste. Nun wiederholte sich dreimal eine Prozedur: Tablette nehmen, eine halbe Stunde warten, Augeninnendruck messen, zu hoch, eine weitere Tablette nehmen und wieder warten.

In mir wuchs ein mulmiges Gefühl; Kribbeln im Körper und ein heißer Kopf. War ich jetzt durch die Einnahme der Tabletten geschädigt oder hatte ich eine ausgewachsene Panikattacke? Zum Glück sank der Augeninnendruck, von dessen Existenz ich bis zu diesem Tag gar nichts wusste, und der sehr freundliche Anästhesist kam und nahm mich mit in den Operationsraum.

Gut gekleidet zur Operation

Ich wurde in ein grünes Papiergewand gehüllt und bekam eine gleichfarbige Papierhaube aufgesetzt. Der freundliche Anästhesist setzte mir einen Zugang in die Vene auf dem Handrücken und injizierte ein Beruhigungsmittel. Sofort waren alle Sorgen wie weggeblasen, zumal er versicherte, dass ich noch mehr bekommen würde, wenn ich es denn brauchen würde. Beruhigt ließ ich mich auf dem Operationstisch nieder, ließ mir ein Tuch auf das Gesicht legen und hielt es auch noch aus, dass dicht vor meinem Auge ein Loch in dieses Tuch geschnitten wurde.

Doch dann leuchtete ein grelles Licht in mein Auge und ich rief nach einer weiteren Dosis des Beruhigungsmittels. Dieser dringenden Bitte wurde sofort stattgegeben, und scheinbar eine Sekunde später war ich in einem anderen Raum, hatte einen weißen Verband auf dem Auge und der freundliche Anästhesist, den ich inzwischen ins Herz geschlossen hatte, führte mich zurück ins Wartezimmer. Ich hatte die ganze Sache tatsächlich verschlafen.

Meine herzallerliebste Lebensgefährtin nahm mich erleichtert in Empfang. Mir wurde wie allen frisch Operierten, die auf wackeligen Beinen den Operationssaal verließen, eine sehr hilfreiche Tasse starken Kaffees gegeben, und nach einer Wartezeit konnten wir die Praxis verlassen.

Nichts Schöneres unter der Sonne…

Am nächsten Tag bereits wurde mir in der Praxis der Verband abgenommen und ausgestattet mit einem Rezept für Augentropfen, die ich in der ersten Woche fünfmal täglich anwenden sollte, konnte ich ohne Begleitung nach Hause gehen. Überraschenderweise konnte ich sehen, wenn auch völlig anders. Die Sonne schien, ohne mich zu blenden. Das war eine erfreuliche Entwicklung. An der Bushaltestelle konnte ich den Fahrplan nicht lesen. Darauf hatte mich der Augenarzt vorbereitet. Ich würde mir eine einfache Lesebrille kaufen müssen. Meine bisherige Brille war völlig nutzlos geworden. Ich sah alles völlig verwischt, wenn ich sie probehalber aufsetzte. Das Sehen an sich ist jetzt eine Woche später noch sehr anstrengend, da das andere Auge noch nicht operiert ist. Erst wenn das geschehen ist und beide Augen abgeheilt sind, kann ich mir eine Brille in meiner neuen besseren Sehstärke kaufen. Bis dahin heißt es durchhalten.

Ich habe mir eine gute Sonnenbrille gekauft. Damit gehe ich hinaus in die Sonne und stimme Ingeborg Bachmann zu, die einmal geschrieben hat: „Nichts Schöneres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein.“